Frauen unter sich: Über Mütter und Nicht-Mütter

Montag, Januar 23, 2017


Es ist schon ein paar Jahre her, als ich auf einem Spielplatz irgendwo in Deutschland stand, mit meinen beiden Kindern (3 und etwas um die 1,5 Jahre alt), und mich mit einer anderen Mutter unterhielt, die mit ihrer Tochter (damals 5 J.) da war. Unsere Töchter kannten sich aus dem Kindergarten, in dem Finja gerade neu war, und waren gut befreundet; ich kannte die Mutter - eine sehr sympathische Frau - nur so vom Kindergartenflur, wo wir morgens und abends kurze Höflichkeiten zwischen Alltag, Büro und Kindern austauschten.

Ihre Tochter war ein tolles Mädchen, das sich wie eine große Schwester um Finja kümmerte. Wir Mütter beobachteten unsere Töchter und lächelten uns zu, und ich sagte sowas wie "E. ist ja wie eine große Schwester für Finja, und schon so groß!" E. hatte mich wohl gehört, denn sie strahlte wie ihre Mutter. Unser Gespräch ging weiter, während ich meinem Kleinen Anschwung gab und die Nachmittagssonne sich golden über den Sandplatz neigte. Und irgendwie kam dann irgendwann diese Frage aus mir heraus, gerichtet an das Mädchen: "Na, hast Du denn auch Geschwister?" - Nein, sie schüttelte den Kopf, und auch ihre Mutter schüttelte den Kopf, lächelnd, und sie sagte sowas wie "Aber sie wünscht sich Geschwister." - Und ich hab irgendwas flackern spüren - irgendwas war nicht in Ordnung - und ich sagte vorsichtig "Naja, kann ja noch kommen." - Aber ihre Augen verrieten mir für den Bruchteil einer Sekunde, wie traurig sie war. Dass es wohl nichts mehr werden würde mit dem zweiten Kind.

Diese Geschichte ist mir wieder eingefallen, als ich heute über diesen kurzen Text (englisch) im Internet stolperte.
Mutter und Tochter sind kurz darauf gegangen, und bald danach sind sie ganz weggezogen, sodass wir nie wieder die Gelegenheit hatten zu reden. Ich glaube, wenn wir mehr Zeit gehabt hätten, hätten wir Freundinnen werden können. Ich kenne die Geschichte dieser Frau nicht; ich erinnere mich nicht einmal an ihren Vornamen. Aber es tut mir leid, wenn ich ihr durch diese unbedachte Frage weh getan habe. Das wollte ich nicht.



Kinderwunsch-Konflikte
Frauen und ihre Kinder - die gewollten, die ungewollten, die nie geborenen, aber gewünschten - wir alle sehen uns irgendwann mit dieser Frage nach dem Kinderwunsch konfrontiert, und längst nicht jede Frau kann dieser Frage angst- und konfliktfrei begegnen.

Es gibt so viele Konstellationen bei der Kinderfrage wie es Menschen gibt, und ich kann hier gar nicht alle aufzählen - ich vermeide dies auch ganz bewusst, um die Masse "Frau" nicht auch in Gruppen zu zerteilen, die sich konträr gegenüber stehen. Ich kann nur von mir ausgehen und den Frauen, denen ich begegnet bin. Es liegt nicht in meinem Interesse bestehende Meinungsverschiedenheiten und Emotionen zu dem Thema weiter anzufachen. Die ganze öffentliche Debatte rund ums Kinderkriegen - vom Kinderwunsch bis zu "Regretting Motherhood" - ist emotional und hitzig genug.

Viele Frauen leiden an der Kinderfrage und am Kinderwunsch, aus den unterschiedlichsten Gründen, und sie alle werden immer wieder - oft unbedacht - von außen mit dem Thema konfrontiert, so wie die Frau, der ich mit meiner Frage weh getan habe. Und wie oft passiert es, dass wir bei Frauen ab spätestens 30 (oder wenn sie heiraten) erst scherzhafte Hinweise geben, die in Richtung Kinder gehen. Wie oft frage auch ich mich bei kinderlosen Frauen ab 35, dass es nun doch langsam Zeit wird, und ab 40 ist es schon zappenduster.

Ich ertappe mich also auch immer wieder bei der Verurteilung und Einteilung von Frauen in die mit und ohne Kinder, Frauen mit und ohne Kinderwunsch.
Ohne ihre Geschichte wirklich zu kennen.
Ohne zu wissen, ob sie es vielleicht schon seit Jahren erfolglos versuchen.
Ohne zu wissen, ob und wie ihr Partner - sofern vorhanden - zu Kindern steht.
Ohne zu wissen, welche Kindheitserfahrungen sie geprägt haben, welche Wünsche und Ängste ihre Lebensplanung beeinflussen.

Steht es mir zu darüber zu urteilen, nur weil ich mit meiner Viele-Kinder-Chaos-Näh-Kiste glücklich bin?



Die Verurteilung von Frauen
Diese reflexhafte Verurteilung anderer Frauen findet auch unter Müttern immer wieder statt; regelmäßig sehe ich mich auch in Diskussionen rund um "Kaiserschnitt vs. natürliche Geburt", "stillen vs. nicht stillen" usw. verwickelt oder stolpere über sehr emotional geführte Debatten in den sozialen Netzwerken. Dabei gilt auch hier: Das sind viel zu persönliche Themen um eine allgemeine und allgemein gültige Richtlinie zu entwickeln, geschweige denn darüber zu urteilen, wenn jemand sich für einen Kaiserschnitt entscheidet oder es wagt nicht zu stillen.

Später dann geht es weiter: Arbeitende Mütter vs. Stay-Home-Moms - und wie jung gibst Du Dein Kind in der Krippe ab? Hast Du nur ein Kind? Schnauze voll danach, wie? Wie, drei oder vier? Na hast Du Dir das gut überlegt? Noch mehr? Bist du wahnsinnig?

Irgendwie können wir (Frauen) nichts richtig machen.

Das ist alles nicht neu, aber es ist immer noch aktuell. 2017!

Wenn ich dann andere Mütter morgens im Kindergarten treffe - die alle zwischen Job, Kindern, Haushalt, Alltag und Ehemann jonglieren und versuchen sich selbst nicht dabei völlig aufzugeben - wenn ich sehe, wie auch deren Kinder mal echt knatschig sind oder rumtrödeln und rumnölen - und ich mich dann trotzdem erwische, wie ich bei mir denke, ob die soviel Makeup auflegen müssen...

Tja... vielleicht denken die über mich ja auch "ach, die ohne Makeup, die sich sich morgens auch nur ne Mütze über die ungebürsteten Haare zieht, die mit den vielen Kindern, oweia..."...

Keine Ahnung... vielleicht lernen wir ja alle irgendwann dazu und hören auf immer nur darauf zu schielen wie andere ihr Leben mit und ohne Kinder gestalten. Vielleicht gelingt es mir auch irgendwann wirklich jeden Menschen und seinen gewählten Lebensentwurf einfach mal so hinzunehmen und so sein zu lassen.

Ich arbeite daran.

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6 Kommentare

  1. Guter Plan, daran arbeite ich mit und ich finde es toll, wie du deine Gedanken so offen teilst - danke! LG Ingrid

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  2. Ich glaube, ein ganz wichtiger Schritt auf dem Weg zu einer freundlicheren Gesellschaft, ist es, sich selbst an die Nase zu packen. Auch und vielleicht gerade wenn's wehtut. Deswegen finde ich es total gut, dass du hier auch so offen über deine eigenen "Fehltritte" oder Urteile schreibst, die dir im Nachhinein nicht mehr angemessen erschienen. Erst diese Reflexion macht es einem möglich, irgendwann damit aufzuhören - und anderen Leuten wirklich offen zu begegnen.

    Liebe Grüße,
    Sabrina

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    1. Hallo Sabrina,

      vielen Dank! Ja, ich glaub, von gewissen Stereotypen kann sich niemand befreien, aber es ist gut, wenn man sich selbst immer wieder hinterfragt und sich eingesteht, dass man selbst nie "fertig" mit sich selbst ist.

      Lieber Gruß,
      Sonja

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  3. Das hast du wunderbar geschrieben! Und hast völlig recht! Ich wurde letztens von einer wild fremden Frau angesprochen, warum ich kein Kind habe, obwohl ich doch in einem so kinderfreundlichen Haus lebe! Tja, was soll man darauf "mal eben" antworten.
    Oh und auch großes Thema: wird man Hausfrau oder geht man schnell wieder arbeiten?! Oft wird mir erklärt: Wofür wirst du Mutter, wenn du nicht beim Kind bleibst?
    Gegenfrage: Warum hast du dein Lebenlang gelernt und evtl. studiert um dann Zuhause zu sitzen?!
    Ich akzeptiere alles und habe Verständnis, aber so etwas wünscht man sich dann auch von anderen.
    Schwieriges Thema. NOCH habe ich keine eigene Meinung, nur eine Tendenz. Aber wenn das Thema: Kind bei mir ankommt, muss man sich wohl darüber klar werden.

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    1. Hallo Vivi,

      ja, genau diese Konflikte begleiten uns ab 27 gefühlt alle! Und egal ob man sich nun für oder gegen Kinder entscheidet - immer wieder fühlt man sich genötigt sich zu verteidigen.
      Darauf wollte ich auch hinaus: Du kannst es niemandem Recht machen. Und wenn zusätzlich Probleme dazukommen, wie z.B. dass man keine Kinder bekommen kann, obwohl man sich welche wünscht, wird es noch schlimmer, weil viele sehr daran leiden.

      Da würde ich auch etwas mehr Zurückhaltung von außen begrüßen und bin inzwischen sehr sehr vorsichtig bei anderen geworden. Dafür habe ich auch einfach zuviele Frauen kennengelernt, deren Schwangerschaften nicht gut verliefen :(.

      Aber es ist schön, dass nicht nur bei mir das Bewusstsein für die Thematik da ist -- übrigens lässt sich das auch auf andere Lebensbereiche übertragen.

      Lieber Gruß,
      Sonja

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Sonja

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