Armut ist scheiße. Gedanken zum Weltkindertag.

Mittwoch, Juni 01, 2016




Hallo ihr Lieben,

heute ist der Internationale Kindertag, und das möchte ich zum Anlass nehmen ein paar Gedanken aufzuschreiben, die in meiner sonstigen Blog-Woche viel zu kurz kommen.

Ich bin eine leidenschaftliche Mutter von drei bezaubernden, intelligenten und phantasiebegabten Kindern. Ich möchte keinen Tag und keine Nacht missen, die ich mit ihnen erleben durfte. Dafür bin ich unendlich dankbar. Sie haben mir soviel gezeigt und gegeben, reflektieren so viel - sie sind der größte Schatz in meinem Leben, neben meinem Mann natürlich.

Meine Kinder haben es ziemlich gut - sie haben weiße, akademisch gebildete Eltern mit einem guten Einkommen. Sie haben Kindergartenplätze und bekommen optimale Förderung, z.B. durch Mal- und Musikkurse. Sie lernen schwimmen, gehen turnen, machen Urlaub, bekommen vorgelesen, werden nicht geschlagen, haben viel zuviel Spielzeug, bekommen ihre Mahlzeiten und unendlich viel Naschwerk usw.

Kinderarmut in Deutschland - HartzIV
Leider geht es nicht allen Kindern auf der Welt so. Um ehrlich zu sein sind diese Dinge den wenigsten Kindern auf der Welt vorbehalten. Sogar in unserem Land, einem der mit Abstand reichsten Länder, leben Kinder nicht zuletzt dank HartzIV und der Agenda 2010 unterhalb der Armutsgrenze.

Armutsgrenze in Deutschland? In Zahlen? Bittesehr:

"Als Armutsgrenze gilt in Deutschland für eine allein stehende Person ein Einkommen von  979 EUR monatlich (11.749 EUR im Jahr). Für zwei Erwachsene mit zwei Kindern unter 14 Jahren liegt der Schwellenwert bei 2.056 EUR im Monat (24.673 EUR im Jahr). Hierbei werden staatliche Leistungen mit einbezogen. Die Anzahl aller Personen, die in Armut leben, wird als Armutsquote bezeichnet. Weltweit lebt jeder sechste Mensch in Armut und verdient weniger als einen US-Dollar am Tag. Auch in Deutschland lebt jeder Sechste an der Armutsgrenze – in anderen europäischen Ländern wie Spanien liegt die Armutsquote sogar noch höher." [Quelle]

Das find ich SCHEISSE. Und das sag ich hier auch mal genauso wie ich es finde: SCHEISSE.

Armut ist eine Einbahnstraße und Sackgasse für viele Menschen in unserem Land und weltweit. Armut ist eine Abwärtsspirale gemeinsam mit ihren Brüdern Hunger und Gewalt.
Armut betrifft in erster Linie Frauen und ihre Kinder.
Armut verunmöglicht Bildung.
Armut macht krank.

Armut ist scheiße.

Wir haben zuviel davon auf der Welt, vor allem die Kinder.

Bleiben wir erstmal in Deutschland. Mit HartzIV und der Agenda 2010 hat der Abbau des Sozialstaats begonnen - irgendwie kam damals auch der Zusammenhang von "arbeitslos" und "faul" auf, und irgendwie hat sich dieses Bild hartnäckig festgesetzt.

Dabei hat dieses Bild nichts mit der Realität gemein: Sehr schön auf den Punkt bringt das mein Lieblingskabarettist Max Uthoff in seinem Programm "Gegendarstellung". Hier ein Auszug:



In diesem Ausschnitt analysiert Uthoff sehr scharfzüngig viele Probleme unserer Gesellschaft - ich möchte bei HartzIV und der systematisierten Armut der Kinder von HartzIV-Empfängern bleiben, weil es einfach nicht in Ordnung ist Menschen und ihre Kinder aufgrund von ökonomischer Schwäche zu diskriminieren.

Ich gehe ganz mit Uthoff, wenn ich die Auffassung vertrete, dass gerade die, die in der Hartz IV-Falle stecken, arbeiten wollen. Niemand legt sich freiwillig auf die "faule Haut" oder ruht sich in der "sozialen Hängematte" aus. Solche Bilder halte ich für vollkommen realitätsfern.

Traurige Realität ist leider, dass die Kinder aus Hartz IV-Familien in allen Belangen benachteiligt werden - Bildung an oberster Stelle!  Aktuell treibt unsere Bundesministerin für Arbeit und Soziales, Frau Nahles, die auch schonmal schlanker war, einen Gesetzesentwurf voran, der Alleinerziehenden Hartz-IV-Empfängern weitere Bezüge streichen soll:

"Alleinerziehenden im Hartz-IV-Bezug - und das sind über 40% aller Alleinerziehenden, die allermeisten davon Frauen - soll nun künftig für jeden einzelnen Tag, den ihr Kind Umgang mit dem anderen Elternteil hat, Geld ihrer Hartz-IV-Leistungen zur Sicherung des Lebensunterhalts gestrichen werden" [Quelle inkl. Unterschriftenliste!]

Wenn ich sowas lese, frage ich mich, wer sich sowas ausdenkt. Wie niederträchtig muss man sein? Wie unglücklich? Wie neidisch? Wie missgünstig? Ehrlich, da wird mir schlecht. So gehen wir mit Menschen in unserem Land um. Nur, weil sie keine fette Lobby haben. Weil man es mit ihnen machen kann.

Dieses "social bashing" von ökonomisch Schwachen (ja, sie sind ökonomisch schwach, NICHT "sozial schwach" - das sind eher Frau Merkel, Herr Schäuble und Konsorten) kann ich nicht mehr mit ansehen. Unsere Gesellschaft neigt dazu immer auf die draufzuhauen, die sowieso schon nichts mehr haben. Das lässt sich auch an dem Umgang mit Geflüchteten (ich möchte hier maximal von einer Verwaltungskrise sprechen) beobachten.

Leidtragende sind hier wie dort die Kinder. Wir haben europaweit eine steigende Jugendarbeitslosigkeit, fehlende Bildungsangebote für Kinder armer Familien. Und alles, was der Regierung dazu einfällt ist die Rente ab 70 und weitere Kürzungen für HartzIV-Empfänger.

Aber ich verlaufe mich - das Thema ist zu vernetzt und verzahnt um als geschlossen betrachtet werden zu können, und da ich mich viel mit diesen und anderen Zusammenhängen des Neoliberalismus beschäftige, könnte ich noch tagelang weiterschreiben. Ich belasse es vorerst dabei und vertraue darauf, dass Du Dir Deine eigenen Gedanken machst.


Was tun?  - Möglichkeiten sich zu engagieren
Ja, ich bin auch so eine "Klickaktivistin"; mein Mann und ich spenden regelmäßig für diverse Organisationen, die sich um Menschenrechte, Klimaschutz und auch Kinderrechte einsetzen. Ich möchte Dir hier was rauspicken, wo Du Doch weiter informieren und allein durch Deinen Klick was bewirken kannst.


Ich bin bei der Recherche für diesen Artikel über den Verein "Kinder-Armut e.V." gestolpert, der sich mit vielen Projekten engagiert. Als Blogger kannst Du Dich dort einfach melden und den Verein durch die Einbindung dieses Banners bekannter machen:
ring-gegen-kinderarmut
Spenden geht natürlich auch, und auf der Seite gibt's weitere Möglichkeiten sich zu engagieren!

Es gibt noch viele Organisationen und Vereine, die sich national und international engagieren - ich will die hier keine Liste aufführen, die sowieso nicht vollständig wäre. Dazu gibt es Suchmaschinen, aber wenn Du eine Empfehlung hast, schreib es gern in den Kommentaren!


Armut  und Hunger International
Wenn wir über Armut reden, reden wir über Hunger. 795 Mio. Menschen auf der Erde hungern. Ich will hier nicht den Moralapostel markieren. Auch ich habe in den vergangenen Jahren eine gewisse Denkwandlung durchgemacht.
Aber leider komme ich heute zu dem Schluss, dass unser Reichtum hier in der EU und in Deutschland auf der Armut der anderen basiert, und das macht mich unsagbar traurig. Unsere Politik und die Art, mit der wir Verträge schließen, beutet die Armen aus. Ich glaub, so einfach kann man schreiben. Unsere Gesellschaft wird von Egofetischisten und empathielosen Ignoranten geführt.

Im Deutschlandfunk hat vor einiger Zeit der argentinische Schriftsteller Martín Carparrós sein aktuelles Buch vorgestellt: "Hunger". In dem Interview kommt er unter anderem zu folgendem Schluss:

"Die 800 Millionen Menschen hungern nicht, weil wir unfähig wären, genügend Nahrungsmittel herzustellen. Im Gegenteil: Wir produzieren mehr, als wir tatsächlich benötigen. Sie werden vielmehr von den ungefähr zwei Milliarden Menschen, von uns Satten in den reichen Ländern, verbraucht. Hunger beruht also nicht auf Mangel, sondern auf der schlechten Verteilung unseres Reichtums an Nahrungsmitteln." [Quelle]
Da ist wieder das Verteilungsproblem - leider sind die, die "großzügig" (achtung, Ironie!) verteilen, die, die erstmal selbst kräftig zulangen und durch diverse Freihandelsabkommen noch mehr Geld aus den Armen herauspressen. Carparrós deckt in dem Interview die vielfältige Verzahnung zwischen Hunger, Armut und Neoliberalismus auf. "Wir" (aka die EU, die NATO, die USA... wir, der weiße Westen!) machen das mit ganzen Staaten. Zum Beispiel mit Griechenland, um ein aktuelles Beispiel zu nennen. Oder Kenia *KLICK*.

Zu diesem Thema könnte ich noch sehr viel schreiben. Ich werde auch noch einiges dazu auf diesem Blog schreiben, denn auch wenn ich in meiner kleinen Nähwelt glücklich bin, so sehe ich, was da in der Welt passiert. Und es macht mich inzwischen so traurig, dass ich wenigstens in dem mir möglichen, bescheidenen Rahmen, etwas verändere. In meinem Konsumverhalten zum Beispiel.

Diese Welt ist kein Ort für Kinder. Aber wir können was tun, damit es wieder einer wird.

Deshalb schreibe ich hier was dazu, und vielleicht geht es Dir auch so? Dann wären wir schon zu zweit, das fände ich super. Es gibt gaaaanz viele Möglichkeiten sich zu engagieren - vielleicht fällt Dir auch was ein? Es würde mich freuen Deine Meinung zum Thema zu lesen.


In diesem Sinne verabschiede ich mich für heute und freue mich über jeden Kommentar!
Lieber Gruß,
Sonja

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3 Kommentare

  1. Hallo Sonja, ein sehr guter Beitrag :) Ich kann dir da nur voll und ganz zustimmen. Und es gäbe so viel zu diesem Thema zu schreiben, dass wir damit wohl unsere Blogs füllen könnten. Aber es hilft auch, einfach mal zum Nachdenken anzuregen. Danke für diesen tollen Beitrag.
    Lg
    Ursula

    AntwortenLöschen
  2. Liebe Sonja, danke für diesen tollen Beitrag! Du hast das Thema auf den Punkt gebracht und du wirst bestimmt einige damit berühren und an mehr Verständnis und Zwischenmenschlichkeit erinnern!! Wir können alle etwas tun, um unsere Gesellschaft in die richtige Richtung zu lenken und dürfen die Augen vor Missständen nicht verschliessen.
    Schön, dass du dir Zeit genommen hast, darüber zu schreiben!

    Lieben Gruß!
    Susanna

    AntwortenLöschen
  3. Vielen Dank Euch beiden! Es tut gut zu wissen, dass ich mit diesen traurigen Gedanken nicht allein bin :). Das macht mir Mut!
    Und ich werde sicher an diesem und anderen Themen dranbleiben.

    Euch und allen anderen einen schönen Abend,
    Sonja

    AntwortenLöschen

Vielen Dank, dass Du Dir die Zeit für einen Kommentar nimmst! Ich freue mich über jeden Besucher und jeden Gast, der mir einen Gruß hierlässt!
Sonja

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